Was ist Polarisierung?

Polarisierung, Digitalisierung, Globalisierung. Brexit, Trump, Corona, die Medien und irgendwo dazwischen sind wir. Wir, die sich nun die Frage stellen können, was Polarisierung wirklich ist, wie sich der Prozess äußert und wo das Thema überhaupt sichtbar wird. Nehmen wir uns also einen Moment lang die Zeit für eine kleine Annäherung an das große Phänomen der Polarisierung. 

 

Sicher, heutzutage hat vermutlich jede und jeder unter uns eine vage Vorstellung von dem Begriff Polarisierung und sieht mit Blick auf die aktuelle Corona-Situation womöglich die Gefahr einer sich spaltenden Gesellschaft oder erinnert sich rückblickend an die Polarisierungseffekte, die beispielsweise der Brexit und die Präsidentschaft von Donald Trump ausgelöst haben. Angesichts der drei Beispiele wird deutlich: wir alle sind mehr oder weniger umgeben, betroffen und eventuell auch Akteur:innen von Polarisierung. 

 

Begriffserläuterung

Beginnen wir mit einer kurzen Begriffserläuterung: Das Wort Polarisierung stammt ursprünglich aus der Naturwissenschaft und bezeichnet unter anderem dort die Verschiebung von Ladungen bzw. die Anordnung und Abstoßung von Elementen im physikalischen Sinn. Wenn wir im Alltag von Polarisierung sprechen, dann verwenden wir den Begriff als eine Metapher, um gesellschaftspolitische oder soziale Prozesse und deren Kommunikation zu beschreiben. Der Duden definiert Polarisierung mit den Worten, es handle sich um eine „Aufspaltung (in zwei Lager o. Ä.), bei der die Gegensätze deutlich hervortreten“. Das führe zu der Herausbildung einer Gegensätzlichkeit. Dementsprechend bezeichnet das Verb polarisieren laut Duden „spalten, trennen; Gegensätze schaffen“.  Sowohl das Nomen als auch das Verb haben darum eine negative Konnotation. Häufig werden sie verwendet, um das Auseinanderdriften von gesellschaftlichen Gruppen bzw. deren Meinungen zu bezeichnen.  

 

Unterscheidung:  Themen- und gruppenbezogenen Polarisierung

Doch damit noch nicht genug: Wir können den Begriff Polarisierung auch zwischen einer themen- und gruppenbezogenen Polarisierung unterscheiden. Themenbezogene Polarisierung meint, dass eine Haltung hinsichtlich eines konkreten Themas extrem ist oder wird. So lässt sich Polarisierung entweder als Zustand oder als Prozess begreifen. Auf Ebene der Akteur:innen lässt sich Polarisierung in Form einer Zweigruppenbildung beobachten. Durch polarisierte Kommunikation entsteht eine Aufwertung der eigenen Ingroup und eine Abwertung bzw. Abgrenzung zu der Outgroup. Polarisierung wird so auch zu einem Mittel zur Erzeugung eines Zugehörigkeitsgefühls. Im Zuge dessen müssen wir uns bewusstwerden, dass Polarisierung als rhetorische Strategie immer auch von Interessen geleitet wird. Polarisierte Kommunikation möchte nicht primär überzeugen, sondern den Zusammenhalt innerhalb einer Gruppe erzeugen und bestärken! Diese Lagerbildung beobachtet man besonders bei der gruppenbezogenen Polarisierung, bei der die Spaltung nicht von einem konkreten Thema ausgeht, sondern primär durch die Abgrenzung zur anderen Partei entsteht. Das zeigt sich beispielsweise in den USA: Hier grenzen sich Demokraten stark von den Republikanern ab und die Parteien misstrauen sich gegenseitig. 

 

Polarisierung, Öffentlichkeit und Demokratie 

Das mag jetzt vielleicht alles etwas theoretisch und abstrakt klingen. Darum ist es notwendig, dass wir uns vor Augen führen, warum es wichtig ist, sich über Polarisierungseffekte bewusst zu sein: Polarisierung entsteht nicht im luftleeren Raum, sondern bedarf öffentlicher Kommunikation. Öffentlichkeit wird überwiegend massenmedial vermittelt und bildet die Basis für demokratisch verfasste Gesellschaften. Durch die Digitalisierung hat sich Öffentlichkeit gewandelt und fragmentiert. Mit Hilfe unserer technischen Möglichkeiten kann heute praktisch jede und jeder zum Sender:in und Empfänger:in von polarisierenden Positionen werden. Insbesondere die Sozialen Medien können so einen großen spaltenden Einfluss auf unsere Kommunikationskultur und gesellschaftliches Miteinander haben sowie unseren demokratischen Diskurs verändern. 

 

Der deutsche Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sagte am 17. Oktober 2019 in einer Rede zum Thema „Demokratie unter Druck“ in Berlin, dass „die westlichen Demokratien […] digital verwundbar [scheinen und] ihre Wahlkämpfe – nicht nur einmal – […] von Manipulation, Desinformation und Polarisierung [erschüttert worden sind]“. In einer Diskussion über die „Zukunft der Demokratie“ betont der Bundespräsident am 2. September 2021 in Bratislava, dass „was in den Newsfeeds und Kommentarspalten der sozialen Medien an Polarisierung, an Verrohung der Sprache, an stiller, aber wirkungsvoller Manipulation unserer öffentlichen Debatte stattfindet, das sollten wir nicht kleinreden – und das dürfen wir nicht hinnehmen!“

 

Wie können wir also rhetorische Polarisierung konkret erkennen?  

Auffällige Indikatoren für Polarisierung sind Antithesen (Gegensätze), Hyperbeln (Übertreibungen) und Personalisierung (Identitätsstiftung). Ein Beispiel soll helfen dieses Grundmodell von Polarisierung zu verstehen und zukünftig leichter zu erkennen: Ein Bild der britischen „BeLeave“ Kampagne, das im Rahmen der Pro-Brexit-Debatten publiziert wurde, zeigt einen großen Fuß, der einen schwarzen Schuh und eine Union-Jack-Socke trägt. Dieser Fuß, der sinnbildlich für Großbritannien steht, scheint einen sehr kleinen Mann mit Europaflagge in der Hand weg zu kicken. Hier wird erstens der antithetische Bildaufbau zwischen Großbritannien und Europäischen Union deutlich, zweitens die Übertreibung der Größenverhältnisse offensichtlich und drittens mit der personalisierten Visualisierung auf die Ingroup (GB) und die Outgroup (EU) verwiesen. 

 

Leben wir in einer polarisierten Gesellschaft?

Die Spaltung in unterschiedliche Lager ist jedoch längst nicht nur auf politische Themen begrenzt. Auch im Alltag und jenseits der Politik sind wir mit Polarisierung konfrontiert. Beispielsweise bei der Ernährungsfrage: Steak oder Tofu. Leben wir darum nun in einer polarisierenden Gesellschaft, in der die Meinungen immer weiter gefährlich auseinanderdriften? Das bleibt zu beobachten, aber noch im Jahr 2012 ergab die Umfrage des European Social Surveys, dass in Europa ein solider, gemeinsamer demokratischer Wertekonsens herrsche. Außerdem sei an dieser Stelle auf den Unterschied zwischen einer gefühlten Polarisierung und einer tatsächlich, empirisch überprüfbaren Spaltung hingewiesen. 

 

Besonders unter den Bedingungen der vernetzten Welt können die großen politischen und kleinen alltäglichen Themen die Meinungen subjektiv und objektiv sehr schnell spalten oder zumindest trennen. Rhetorik und Medien können diese gesellschaftlichen Polarisierungstendenzen unterstützen, aber auch kommunikative Brücken zu den Polen bauen. Es muss nicht immer alles entweder schwarz oder weiß sein. Wir müssen auch lernen mit den diversen, komplexen Schattierungen in der Gesellschaft umzugehen und mit einer Sowohl-als-auch-Haltung zu leben. Auch wenn das eventuell bedeutet die eigene Gruppenzugehörigkeit und Identifikation zu überdenken. 

 

Ausblick

Was ist Polarisierung? Wie äußert sich dieses Phänomen? Und wo wird das Thema sichtbar? Das sind nur wenige Fragen, deren Antworten nun auch zur filmischen Herausforderung für unser Filmteams werden. Wir dürfen gespannt sein, wie die 14 Teams dieses sehr aktuelle und facettenreiche Thema in ihren Filmen thematisieren und umsetzen werden!

 

Anmerkung der Redaktion: Dieser Beitrag basiert auf den Inhalten der G3-Vorlesung.