Gastbeitrag: Immer mehr polarisiert?

Von Prof. Dr. Martina Thiele


Was ist Polarisierung, wie äußert sich dieses Phänomen und warum ist es aus medienwissenschaftlicher Perspektive interessant? Diese Fragen leiten die diesjährige Tübinale. In dem Bemühen das Thema möglichst facettenreich darzustellen und aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten, haben wir als Tübinale-Redaktion Dozent:innen mit unterschiedlichen Fachhintergründen gebeten sich zu diesem aktuellen Thema zu äußern.

Im Rahmen unserer Reihe „Gastbeiträge“ hat unter andrem Prof. Dr. Martina Thiele einen Beitrag zum Thema verfasst. 


Über die Autorin

Dr. Martina Thiele ist Professorin für Medienwissenschaft an der Eberhard Karls Universität in Tübingen. Nach dem Studium der Slavischen Philologie, Publizistik, Kommunikations- und Politikwissenschaft in Göttingen war sie am Dortmunder Institut für Journalistik tätig und wechselte dann an die Universität Salzburg. Seit 2020 hat Prof. Dr. Martina Thiele an der Universität Tübingen den Lehrstuhl für Digitalisierung und gesellschaftlicher Verantwortung inne. Zu ihren Schwerpunkten in Forschung und Lehre gehören unter anderem Mediengeschichte, Kommunikationstheorien, Öffentlichkeit, Gender Media Studies sowie Stereotypen- und Vorurteilsforschung. Außerdem ist Prof. Dr. Martina Thiele Mitherausgeberin der Fachzeitschrift „Journalistik“ und Vorsitzende der DGPuK-Theoriepreis-Jury.


In ihrem Essay stellt die Tübinger Medienwissenschaftsprofessorin die Frage, wie der „Immermehrismus“ der Medienberichterstattung das Polarisierungsnarrativ bestimmt und inwiefern Social Media zur Polarisierung beitragen. Die Antworten auf die Fragen könnt ihr im nachfolgenden Gastbeitrag von Prof. Dr. Martina Thiele nachlesen.


Immer mehr polarisiert? Wie der „Immermehrismus“ das (post-)pandemische Polarisierungsnarrativ bestimmt

Ein Debattenbeitrag von Prof. Dr. Martina Thiele, Institut für Medienwissenschaft, Universität Tübingen

Sind Sie sicher, dass die Stadt Bielefeld tatsächlich existiert? Und sind Sie der Auffassung, dass wir uns in einer zunehmend polarisierten Gesellschaft bewegen, in der Verständigung kaum mehr möglich ist?

Die „Bielefeld-Verschwörung“ ist inzwischen als satirischer Internet-Gag zur Entlarvung von Verschwörungserzählungen bekannt. Bielefeld gibt es, doch was ist mit der immer mehr polarisierten Gesellschaft, gibt es sie auch?

 

Mit dieser Frage werden sich im September 2022 Forscher:innen während des 41. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in Bielefeld befassen und „polarisierte Welten“ analysieren.[1] Anlass dafür ist folgende Beobachtung: „Abhängig von Kontinent, Region aber auch Klasse und Geschlecht scheinen sich bereits bestehende Ungleichheiten wie Polarisierung zu verschärfen.“[2] Die Formulierung „scheinen sich zu verschärfen“ deutet an, dass es nicht so einfach ist, empirische Belege für zunehmende Polarisierungen zu finden. War früher alles besser, weniger polarisiert? Waren sich die Menschen einig, gab es mehr Konsens, weniger Lagerdenken, Konfrontation und Konflikt? – Eher nicht, oder? Und ist Polarisierung gleich demokratiegefährdend? Lebt die Demokratie nicht vom Gegensatz und dem daraus entstehenden Ringen um das bessere Argument? Wie breit ist das demokratische Spektrum? Wer sind diejenigen, die den einen oder den anderen Pol besetzen?

 

Der Politikwissenschaftler Wolfgang Merkel sieht auf der einen Seite der Konfliktlinie „die mit hohem Human- und Sozialkapital ausgestatteten akademisierten neuen Mittelschichten. Sie leben urban, sind ökonomisch privilegiert, folgen einem kosmopolitischen Weltbild. Der Nationalstaat ist ihnen ein Relikt des 20. Jahrhunderts. Sie insistieren auf offene Grenzen, bevorzugen eine liberale Migrationspolitik, betonen die Gleichberechtigung der Geschlechter und sexueller Präferenzen. Sie legen Wert auf gendergerechte Sprache und Klimapolitik. Ökonomisch zählen sie zu den Begünstigten.“[3] Am anderen Pol der Konfliktachse sieht Merkel die „Kommunitaristen“. „Sie haben einen geringeren formalen Bildungsgrad, befürworten einen starken Nationalstaat, von dem sie strikte Migrationskontrolle, sozialen Schutz und finanzielle Förderung erwarten. Gendergerechte Sprache ist ihnen nicht wichtig, Ökonomie rangiert vor Ökologie. Sie neigen eher zu autoritären denn libertären Lebenseinstellungen. Sie zählen zu den weniger Begünstigten unserer Gesellschaft. Manche finden ihre politische Heimat bei den Rechtspopulisten, andere bei linken Traditionalisten.“[4] Merkel räumt ein, dass es sich hierbei um eine idealtypische Betrachtung handelt. Es ist also „o.k.“, sich weder ganz der einen, noch der anderen Seite zurechnen zu können, sondern „irgendwie dazwischen“ zu sein.

 

Wenn aktuell danach gefragt wird, ob die Gesellschaft durch die Corona-Pandemie polarisierter geworden ist, stimmen die meisten Befragten zu, und nicht selten erzählen sie, dass sich ihr Freundeskreis in Geimpfte und Nicht-Geimpfte, in Putin-Kritiker und Putin-Versteher geteilt hat, dass sie bestimmte Themen lieber nicht mehr ansprechen, um Streit und totalen Kommunikationsabbruch zu vermeiden.

Und auch „in den Medien“, in der journalistischen Berichterstattung ebenso wie auf Social Network Sites, finden sich zahlreiche Aussagen zu Dissens statt Konsens, zur fragmentierten, immer mehr polarisierten Gesellschaft. „Blasen“, „Welten“, „Pole“, die „Kluft“ und die „Schere“ sind nur einige Substantive, die der metaphorischen Umschreibung eines besorgniserregenden Zustandes dienen. Letztlich würde die zunehmende Polarisierung der Gesellschaft „die“ Demokratie, gar den Weltfrieden gefährden.

 

Mit dem Überfall Russlands auf die Ukraine am 24. Februar 2022 und der Erkenntnis, dass alle diplomatischen Bemühungen bis dahin die militärische Invasion nicht verhindert haben, verstärkt sich der Eindruck der Spaltung Europas und der Weltgesellschaft. Was könnte noch deutlicher als die Nachricht „Es ist Krieg“ vor Augen führen, dass unüberbrückbare Gegensätze bestehen? Dennoch sind sich die Menschen egal wo auf der Welt mehrheitlich einig: sie wollen in Frieden leben. Polarisierung, gar Spaltung oder eine gemeinsame Basis, von der aus Verständigung möglich ist? Gegensätze, eindeutige Schwarz-Weiß-Zeichnungen, gar Feindbilder scheinen den herrschenden Medienlogiken eher zu entsprechen. Deswegen könnte aufgrund der Medienberichterstattung von einer immer mehr polarisierten Gesellschaft ausgegangen werden.

 

Die Zahl dystopischer „Apocalypse now“-Beiträge beschäftigt die Wissenschaft schon länger. 1991 fragen der Wissenschaftsjournalist Thomas von Randow in der Wochenzeitung Die Zeit [5] und Mainzer Kommunikationswissenschaftler in der Fachzeitschrift Publizistik, ob es sich beim „Immermehrismus“[6] um ein „journalistisches Stilmittel“ oder um „Realitätsverzerrung“ handelt? Wohl um beides, wobei der Begriff „Realitätsverzerrung“, so wie ihn die Autoren verwenden, impliziert, dass eine Wahrnehmung „der“ Realität prinzipiell möglich ist – eine für Empiriker verständlicherweise entscheidende Prämisse, denn wie sollte sonst ein Abgleich zwischen „der“ Realität und dem, was in den Medien als real verhandelt wird, vorgenommen werden?

 

Von Randow und die Mainzer Kommunikationswissenschaftler kritisieren „den“ Journalismus dafür, dass die „Immer mehr“-Behauptungen nicht datengestützt seien, wenn überhaupt, würden Querschnittsdaten präsentiert, aber keine Längsschnittuntersuchungen mit mehreren Messpunkten herangezogen. Die Kommunikationswissenschaftler interessieren sich insbesondere für die Wirkungen des „Immermehrismus“ auf die Rezipient:innen. Letztere halten sie mit Blick auf die schon damals empfundene „Informationsflut“ für überfordert und für kaum in der Lage, Informationen nach rationalen Kriterien zu beurteilen. Unter Berufung auf Studien Elisabeth Noelle-Neumanns tappen sie dann selbst in die Immermehrismus-Falle und beklagen: „… der Verstand trete bei der Beurteilung von Sachverhalten und Problemen immer weiter (Hervorhebung, M.T.) in den Hintergrund und mache eher irrationalen Argumentationen Platz.“[7]

 

Dreißig Jahre später hat sich auch aufgrund der veränderten Mediensituation die Betrachtung von Kommunikationsprozessen verändert. Sie erscheinen stärker zirkulär und von Rollenwechseln geprägt. Die Frage „Was macht das mit den Menschen?“ sollte Forschende einschließen, denn sie stehen nicht als objektiv Beobachtende außerhalb des Kommunikationsprozesses. Bei den folgenden Fragen, auf die die empirische Sozialforschung in (post-)pandemischen und erschreckenderweise kriegerischen Zeiten Antworten geben müsste, ist das „wir“ inklusiv gemeint, umfasst Forschende wie Beforschte und verschiedene soziale Gruppen auf der einen wie auf der anderen Seite der jeweiligen Konfliktlinie.

  • Wie lässt sich erheben, ob wir in einer zunehmend polarisierten Gesellschaft leben? Welche Daten können das belegen?
  • Gibt es so etwas wie eine gefühlte zunehmende Polarisierung? Worauf gründet sich dieses Gefühl?
  •  Was nehmen wir zur Kenntnis, was nehmen wir jeweils wahr? Welche Medien(quellen) nutzen wir, welchen Expert:innen vertrauen wir?
  • Wer sind diejenigen, die von Polarisierung sprechen? Auf welche nachprüfbaren Fakten berufen sie sich?
  • Wenn es wenig Evidenz für „immer mehr polarisiert“ geben sollte, wer profitiert dann von der Behauptung, dass wir in einer zunehmend polarisierten Gesellschaft leben?
  •  Schließlich: kann die Behauptung einer zunehmenden Polarisierung zur self-fulfilling prophecy werden?

Aus medienwissenschaftlicher Sicht ist insbesondere die Frage relevant, ob und inwiefern Social Media zur Polarisierung beitragen. Grundsätzlich gilt für analoge wie digitale Medien: „bad news is good news“. Gegensätzlichkeit und Konflikt sind medial verwertbarer als Einigkeit und Konfliktbeilegung. Auch erhöhen algorithmenbasierte Empfehlungssysteme wie verschiedene Studien [8] belegen die Verbreitung radikaler Inhalte. Trotzdem ist von den hitzigen, einzelne Personen und Gruppen betreffenden Online-Debatten, den shitstorms und hate-postings, nicht unmittelbar auf Meinungen und Einstellungen in der Gesamtbevölkerung zu schließen, zumal nur wenige User soziale Medien zur Verbreitung politischer Inhalte nutzen.[9] Dass der Ton aber rauer geworden ist, bekommen alle mit; es erklärt den weit verbreiteten Eindruck einer zunehmenden Polarisierung. Medien und auch die Medienwissenschaft greifen das Polarisierungs-Narrativ auf, entwickeln es weiter – und verstärken sehr wahrscheinlich selbst bei gegenteiliger Absicht den Eindruck des „immer polarisierter“. So dürfen „wir“ gespannt sein auf die Ergebnisse künftiger Polarisierungsforschung. Auf nach Bielefeld!

 

Literaturnachweise

  • [1] Vgl. Themenpapier der Deutschen Gesellschaft für Soziologie. Online unter https://soziologie.de/aktuell/news/polarisierte-welten (abgerufen am 21.02.2021).
  • [2] Ebd.
  • [3] Merkel, Wolfgang (2021): Polarisierung als gesellschaftliche Signatur. Online unter https://www.wzb.eu/de/publikationen/wzb-mitteilungen/polarisierung-und-gesellschaft/polarisierung-als-gesellschaftliche-signatur (abgerufen am 21.02.2021).
  • [4] Ebd.
  • [5] Randow, Thomas von (1991): Falsch verstandene Risiken. Plädoyer für eine adäquatere Darstellung von Gefahren in den Medien. In: Die Zeit, Nr. 1/1991 vom 28.12.1990, S. 58.
  • [6] Brosius, Hans-Bernd/Breinker, Carsten/Esser, Frank (1991): Der „Immermehrismus“: Journalistisches Stilmittel oder Realitätsverzerrung? In: Publizistik, 36. Jg., H. 4/1991, S. 407-427.
  • [7] Ebd., S. 409.
  • [8] Siehe für einen Überblick Köhler, Paula (2021): Drei Mythen über Polarisierung in Deutschland. In: Internationale Politik. Das Magazin für globales Denken, Nr. 6 November/Dezember 2021, S. 102-107. Online unter https://internationalepolitik.de/de/drei-mythen-ueber-polarisierung-deutschland (abgerufen am 21.02.2021)
  • [9] Laut ARD/ZDF-Online Studie 2021 nutzen 28% der Bevölkerung ab 14 Jahren täglich oder wöchentlich Facebook, 4% den Kurznachrichtendienst Twitter. Siehe: https://www.ard-zdf-onlinestudie.de/files/2021/Kacheln/16zu9/ARD-ZDF-Onlinestudie-2021_Infografik_1200x675Px_06.jpg (abgerufen am 21.02.2021)

Anmerkung der Redaktion: Wir danken Prof. Dr. Martina Thiele für diesen exklusiven Debattenbeitrag. Aus gegeben Anlass hat Frau Prof. Dr. Martina Thiele ihren ursprünglichen Beitrag aktualisiert. Das Gefühl der Unangemessenheit bliebe dennoch, sagt sie. Scheint es doch angesichts der neuesten weltpolitischen Lage und des aktuellen Kriegsgeschehens in Europa seltsam, über Polarisierung innerhalb der deutschen Gesellschaft angesichts von Corona zu schreiben.