Gastbeitrag: Warum es in Deutschland eine Polarisierung gibt

Von Prof. Dr. Martin Groß


Was ist Polarisierung, wie äußert sich dieses Phänomen und warum ist es aus medienwissenschaftlicher Perspektive interessant? Diese Fragen leiten die diesjährige Tübinale. In dem Bemühen das Thema möglichst facettenreich darzustellen und aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten, haben wir als Tübinale-Redaktion Dozent:innen mit unterschiedlichen Fachhintergründen gebeten sich zu diesem aktuellen Thema zu äußern. Im Rahmen unserer Reihe „Gastbeiträge“ hat unter andrem Prof. Dr. Martin Groß einen Beitrag zum Thema verfasst. 


Über den Autor

Dr. Martin Groß ist Professor am Institut für Soziologie an der Universität Tübingen mit dem Schwerpunkt Makrosoziologie. Er selbst studierte Soziologie, Philosophie und Psychologie an der Universität Heidelberg und schrieb seine Dissertation „Bildungssysteme und soziale Ungleichheit - Die Strukturierung sozialen Handelns im internationalen Vergleich“ an der Humboldt Universität Berlin. Seine Forschungsschwerpunkte liegen auf den Themen internationale vergleichende Ungleichheitsforschung und Sozialstrukturanalyse, Einstellungsforschung mit Blick auf soziale Gerechtigkeit und „class structuration“, sowie Arbeitsmarkt und Formen atypischer Beschäftigung. Seine jüngeren Forschungen befassen sich mit der Auswirkung von Identitätsbedrohungen auf den sozialen Zusammenhalt. 


In seinem Beitrag stellt der Tübinger Soziologieprofessor die Frage, warum es aus soziologischer Sicht eine Polarisierung in Deutschland gibt und wo diese sichtbar wird. Die Antworten auf die Fragen könnt ihr im nachfolgenden Gastbeitrag von Prof. Dr. Martin Groß nachlesen.


Warum es in Deutschland eine Polarisierung gibt

Ein Debattenbeitrag von Prof. Dr. Martin Groß, Institut für Soziologie, Universität Tübingen

 

Gibt es sie nun, die Polarisierung, über die in letzter Zeit so viel geredet wird, oder nicht? Das hängt (wie in den meisten Fällen) davon ab, was man unter „Polarisierung“ versteht. Geht man, wie Kollege Diez [Ref: Blog] davon aus, dass Polarisierung ein Prozess ist, der zwei diametral gegenüberliegende Pole entstehen lässt, die die Gesellschaft in zwei nicht mehr kommensurable Teile spalten, dann können wir das in Deutschland derzeit sicher nicht beobachten, und ich stimme dem Kollegen zu, dass es nicht unbedingt angeraten ist, eine solche Situation auch noch herbeizureden. Dennoch glaube ich, dass es gerechtfertigt ist, von Polarisierung im Sinne von langfristigen, folgenreichen Tendenzen zu sprechen, die sich sowohl in der Produktions- als auch in der Konsumtionssphäre der Gesellschaft abspielen.

 

In der Produktionssphäre wird eine angebliche Polarisierungstendenz gerne mit einem „Auseinanderdriften zwischen Arm und Reich“ bezeichnet. Diese Feststellung stimmt hinsichtlich der Einkommensverteilung eher nicht: Die Einkommensverteilung ist in Deutschland weniger ungleich als in manch anderem Mitglied der OECD, und sie hat sich seit ca. 2005 nicht mehr wesentlich verstärkt (Grabka und Schröder 2018). Im Gegenteil, in mancher Hinsicht hat Corona in jüngerer Zeit sogar zu einer Angleichung der Einkommen beigetragen. Polarisierungstendenzen zeigen sich aber hinsichtlich zweier Aspekte: Die Vermögensverteilung ist noch deutlich stärker ungleich als die Einkommensverteilung (z.B. Grabka und Halbmeier 2019), wobei die vielzitierte „Erbschaftswelle“ - in einem nie gekannten Ausmaß werden große Vermögen durch Erbschaften weitergereicht – erwarten lässt, dass „Arm und Reich“ in der Tat auseinandergehen. Eine weitere Polarisierungstendenz rührt aus der „Liberalisierung des Arbeitsmarktes“. Die sukzessive Aufweichung von Arbeitsschutzgesetzen zusammen mit der Einschränkung wohlfahrtsstaatlicher Leistungen für Arbeitslose und andere schwache Gruppen am Arbeitsmarkt vergrößerten die Diskrepanz zwischen solchen Arbeitnehmern, die sich in den verbliebenen geschützten Arbeitsmarktpositionen befinden (wie Beamte und andere Beschäftigte im öffentlichen Dienst) oder deren Humankapital eine starke Machtposition auf dem Arbeitsmarkt sichert (wie Manager in höheren Positionen), und solchen, die sich in prekären Beschäftigungsverhältnissen übers Wasser halten müssen (etwa Paketboten oder auch freischaffende Künstler, vgl. Giesecke et al. 2020). Wir sehen hier sich verschärfende Diskrepanzen, die aber nicht in einen Konflikt zwischen zwei klar definierten Kollektiven am Arbeitsmarkt münden: Zum einen deshalb nicht, da die Liberalisierung des Arbeitsmarktes auch Arbeitnehmer in vergleichsweise starken Arbeitnehmerpositionen trifft, und diese zwar nicht in prekäre Einkommenspositionen bringt, aber in teils gesundheitsgefährdende Selbstausbeutungsprozesse ( Ahlers 2016). Zum anderen überschneiden sich Konfliktlinien in vielfacher Weise, was Kollektivierungsprozesse erschwert: Arbeitnehmer in besonders prekären Arbeitsverhältnissen haben oft einen Migrationshintergrund (Paketboten), während wenig geschützte Arbeitsverhältnisse mit hohem Humankapitalanteil (etwa freischaffenden Künstler) so manches Mal mit Erbschaften einhergehen. So können verschärfte Diskrepanzen in einem Bereich die verschärften Diskrepanzen in einem anderen sogar abmildern – eine Kumulation von Vor- und Nachteilen zur Polarisierung zwischen „Bourgeoisie“ und „Proletariat“ findet eher nicht statt, gerade weil sich Diskrepanzen verschärfen – eben in unterschiedlichen Hinsichten.

 

In der Konsumtionssphäre lässt sich meines Erachtens eine geradezu paradoxe Entwicklung beobachten. Bei aller mehr oder weniger berechtigten Klage über zunehmende Ungleichheit ist eine andere Entwicklung offensichtlich: Das Wohlstandsniveau hat in Deutschland seit dem zweiten Weltkrieg kontinuierlich zugenommen. Die Klage über zunehmende Ungleichheit erfolgt von mancher Seite doch auf recht hohem Niveau. Und noch ein Prozess ist kaum zu bestreiten: Die Möglichkeit zu einer freien Lebensgestaltung sind angesichts eines tiefgreifenden Wertewandels ( Inglehart 2008) und abnehmender staatlicher Regulierungen sozialer Beziehungen enorm zugenommen. Beides zusammen hatte eine in der Soziologie vielfach untersuchte „Individualisierung“ ( Beck 1983) bzw. „Singularisierung“ ( Reckwitz 2018) in Gang gesetzt, deren offensichtliches Ergebnis als „Pluralisierung der Lebensstile und Lebensstile und Lebenswege“ beschrieben wird. Im Grunde kann diese Entwicklung als das genaue Gegenteil eines Polarisierungsprozesses betrachtet werden. 

 

Und doch sehe ich in dieser Entwicklung gerade einen „Polarisierungstreiber“. Denn wir haben uns sehr an einen materiell abgesicherten Lebensstil mit hohen Autonomieansprüchen gewöhnt und reagieren sehr allergisch auf mögliche Einschränkungen. Hier liegt meines Erachtens ein höchst rationaler Grund des irrational erscheinenden „Corona-Leugnens“, mit weitreichenden Konsequenzen. Vor allem Menschen, die ihren Lebensstil uneingeschränkt beibehalten wollen, lehnen die gesellschaftlich geforderten Einschränkungen wie Kontakt- und Reisebeschränkungen, Beschränkungen der beruflichen Tätigkeiten usw. ab. Dabei kreiert diese Ablehnung aber ein schwerwiegendes moralisches Problem: Die Nichtbefolgung der Einschränkungen kann den Tod anderer bedeuten. Das wiederum lässt sich nur rechtfertigen, wenn man die Folgen der Infektion als vergleichsweise harmlos betrachten kann. Eine solche Sicht allerdings stellt sich gegen die herrschende Lehrmeinung der Wissenschaft – und kann nur vertreten werden, wenn man entweder die Kompetenz der Wissenschaft („die ändern doch ständig ihre Meinung“) oder ihre Integrität („die vertreten doch nur die Interessen der Pharmafirmen“) in Frage stellt. Nicht zufällig haben Verschwörungstheorien Hochkonjunktur, wobei es natürlich vielfältige Gründe gibt, warum sich in Krisenzeiten Verschwörungstheorien ausbreiten. Die Psychologie hebt dabei hervor, dass Verschwörungsideologien als eine rationale Möglichkeit, Ängste zu bewältigen, betrachtet werden können (vgl. Butter 2021). Als Soziologe möchte ich ins Felde führen, dass Verschwörungsideologien als durchaus rationale Strategien zur Verteidigung von Lebensstilen gelten können.

 

Wenn das so stimmt, lässt sich auch eine weitreichende Konsequenz für eine gesellschaftliche Polarisierung ableiten, die gerade durch eine Pluralisierung in der Konsumtionssphäre in Gang gesetzt wird: Jeder Diskurs, auch auf gesellschaftlicher Ebene, hat bestimmte Grundvoraussetzungen, die den Diskurs erst ermöglichen. Wir brauchen insbesondere ein Kriterium, mit dem sich evaluieren lässt, ob vorgebrachte Argumente zutreffen oder nicht, sonst wird eine Debatte über Themen welcher Art auch immer vollkommen sinnlos. Auf der persönlichen Ebene beziehen wir uns hier vor allem auf glaubhafte persönliche Erfahrungen. Auf gesellschaftlicher Ebene bedarf es dazu der Wissenschaft, zumal wenn solch schwer zu beobachtende Dinge wie Viren und ihre Folgewirkungen zur Diskussion stehen. Stellt man wissenschaftliche Evidenz in Frage, dann gibt es im gesellschaftlichen Diskurs kein Kriterium mehr, mit dessen Hilfe Argumente als triftig oder nicht beurteilt werden können, jede Behauptung, und sei sie (aus wissenschaftlicher Sicht) noch so unsinnig, wird gleichwertig – und die Möglichkeit, sich in einer sinnvollen Weise über gesellschaftliche Tatbestände auseinanderzusetzen, geht verloren. Damit stellen sich Corona-Leugner außerhalb des gesellschaftlichen Diskurses. Das ist keine Polarisierung, insoweit Coronaleugner nur einen geringen Teil der Bevölkerung ausmachen. Das ist insofern eine Polarisierung, als dieser Konflikt unüberbrückbare Gräben schafft, der zu einer Abspaltung eines nicht unerheblichen Teils der Gesellschaft führt.

 

Das Beispiel „Corona-Leugnen“ ist hinsichtlich der Polarisierungsfrage in zweierlei Weise interessant. Zum einen zeigt es, wie an sich begrüßenswerte Entwicklungen (Zunahme von Autonomie und Lebensstandard) zu gesellschaftlichen Brüchen führen können. Zum anderen lässt es noch weitergehende Brüche erwarten: Die Verteidigung von Lebensstilen wird in der Debatte um den Klimawandel eine noch viel wichtigere Rolle spielen. 

 

Diese beiden genannten Beispiele sollen zeigen, dass die in jüngerer Zeit zunehmende Rede über „Polarisierung“ nicht einfach als reichlich übertriebene und völlig überflüssige Gesellschaftsdiagnose abzutun ist. Ich denke vielmehr, dass damit eine diffuse, schwer zu beschreibender Entwicklung gemeint ist, die als Auseinanderdriften der Gesellschaft empfunden wird und die weitreichende Folgen hat: Bestehende Konfliktlinien zwischen gesellschaftlichen Akteuren verschärfen sich in einer Weise, dass sie zu unüberbrückbaren Gräben führen können. Allerdings sind mit „gesellschaftlichen Akteuren“ gerade nicht in ihren Lebenslagen homogene Gruppen gemeint, die auf ein aus dieser Lebenslage resultierendes gemeinsames Ziel hinarbeiten (wie es etwa der vielzitierte „Klassenkampf“ veranschaulicht), vielmehr verhindern sich überkreuzende Konfliktlinien solche gruppenspezifischen Polarisierungen. Jedoch können sich zu bestimmten Themen spontane Koalitionen zwischen Akteuren bilden, deren gemeinsames Interesse eben nicht in einer homogenen Lebenslage, sondern in einem gemeinsamen Lebensziel begründet ist: Ein angenehmes und autonom bestimmtes Leben führen zu können.  Dieses Ziel ist verständlich, aber wenn die Verweigerung solidarischen Handelns die Grundlagen des gesellschaftlichen Diskurses in Frage stellt, führt das zwar nicht unbedingt zum Auseinanderbrechen der Gesellschaft, aber möglicherweise zu Abspaltungen von quantitativ doch recht bedeutenden Teilen. 

 

In diesem Sinne benennt „Polarisierung“ langfristige Entwicklungsprozesse, die gravierende Konsequenzen für den sozialen Zusammenhalt haben können. Es ist zu erwarten, dass solche tiefgreifenden Spaltungen wahrscheinlicher werden – die Individualisierung der Lebenslagen- und Lebenswege verträgt sich nämlich nicht gut mit Krisenlagen, die eine solidarische Bearbeitung erfordern, und angesichts des Klimawandels ist es leider zu befürchten, dass solche Krisenlagen eher zunehmen werden. Man sollte durch die Thematisierung einer Polarisierung solche Spaltungen sicher nicht herbeireden – sondern im Gegenteil nach Mitteln suchen, sie zu verhindern, oder zumindest abzumildern.

 

Literaturverzeichnis

  • Ahlers, Elke. 2016. Leistung(sdruck), Arbeitssystem und Gesundheit. Eine quantitativ empirische Auswertung der WSI-Betriebsrätebefragungen zu ergebnisorientierten Arbeitssystemen: Duncker & Humblot (93).
  • Beck, Ulrich. 1983. Jenseits von Stand und Klasse? Soziale Ungleichheit, gesellschaftliche Individualisierungsprozesse und die Entstehung neuer sozialer Formen und Identitäten. In Soziale Ungleichheiten., Hrsg. Kreckel, Reinhard, 35–74. Göttingen: Otto Schwartz.
  • Butter, Michael. 2021. "Nichts ist, wie es scheint". Über Verschwörungstheorien. 5. Auflage, Sonderdruck, Originalausgabe. Berlin: Suhrkamp (edition suhrkamp).
  • Giesecke, Johannes, Groß, Martin, und Stefan Stuth. 2020. Occupational Closure and Wage Inequality. How Occupational Closure Effects Vary Between Workers. KZfSS Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 72: 157–195.
  • Grabka, Markus, und Christoph Halbmeier. 2019. Vermögensungleichheit in Deutschland bleibt trotz deutlich steigender Nettovermögen anhaltend hoch. DIW Wochenbericht 735–745.
  • Grabka, Markus, und Carsten Schröder. 2018. Ungleichheit in Deutschland geht bei Stundenlöhnen seit 2014 zurück, stagniert aber bei Monats- und Jahreslöhnen. DIW Wochenbericht 158–166.
  • Inglehart, Ronald F. 2008. Changing Values among Western Publics from 1970 to 2006. West European Politics 31: 130–146.
  • Reckwitz, Andreas. 2018. Die Gesellschaft der Singularitäten. Zum Strukturwandel der Moderne. 6. Auflage. Berlin: Suhrkamp.

Anmerkung der Redaktion: Wir danken Prof. Dr. Martin Groß für diesen exklusiven Debattenbeitrag und möchten darauf hinweisen, dass Prof. Dr. Martin Groß diesen Gastbeitrag vor den Ereignissen in der Ukraine geschrieben hat. Scheint es doch angesichts der neuesten weltpolitischen Lage und des aktuellen Kriegsgeschehens in Europa seltsam über Polarisierung innerhalb der deutschen Gesellschaft angesichts von Corona zu schreiben.