Von Barbiepuppen und Asteroidenkratern - Das Kinojahr 2023

Ein Beitrag von Theo Andes


Die Golden Globes haben für einige Überraschungen gesorgt, die Oscars stehen vor der Tür und die Tübinale ist auch nicht mehr weit. Ein passender Anlass das Kinojahr 2023 Revue passieren zu lassen...

„Barbenheimer“

 

Das Kinojahr 2023 war geprägt von einem Phänomen, das der breiten Masse unter dem Kofferwort „Barbenheimer“ bekannt sein dürfte. Zwei gigantische Blockbuster, die unterschiedlicher nicht sein könnten, starten an ein und demselben Tag. „Barbie“, eine farbenfrohe, exzentrische und humorvolle Komödie steht dem düsteren, bedrückenden und dramatischen

Biopic „Oppenheimer“ gegenüber. Im Netz und auf Social Media wurden die Filme beispiellos thematisiert, kommentiert und miteinander verglichen. Und ja, beide Filmfiguren sind in gewisser Weise ikonisch: Der Puppe „Barbie“ von Spielzeughersteller Mattel ist ein milliardenschweres Franchise gewidmet und Oppenheimer gilt als eine der wichtigsten und umstrittensten Personen des 20. Jahrhunderts.

 

Barbie (Margot Robbie) lebt mit all den anderen Barbies in einer pinken und scheinbar perfekten Welt. Doch irgendwas stimmt mit Barbie nicht und so macht sie sich mit ihrem „Sidekick“ Ken (Ryan Gosling) auf eine Heldenreise in die wirkliche Welt. Dort angekommen ist sie geschockt von den Zuständen und er dagegen blüht in ihnen auf. Dass dies zu Konflikten wieder zurück in „Barbieland“ führt, liegt auf der Hand. Die Kontraste der beiden Welten und der Protagonisten im Film sind überwältigend und so thematisiert der Film in hochwertigen Aufnahmen kritisch Stereotypen und Rollenbilder. Regisseurin Greta Gerwig (u.a. „Little Women“) löst mit ihrem female empowerment-Spielfilm nicht nur einen neuen Hype um die Puppe aus, ohne zur Werbesendung zu werden, sondern prägt auch ganz maßgeblich dieses Kinojahr.

 

Ganz anders ist der Ton der lang erwarteten Biographie „Oppenheimer“ von Kult-Regisseur Christopher Nolan. In beeindruckenden Bildern und mit einem grandiosen Hauptdarsteller Cillian Murphy in der titelgebenden Rolle überzeugte der Film Fans und Kritiker an den Kinokassen. Der Aufstieg Oppenheimers vom genialen Physiker zum Erfinder der Atombombe, aber auch all die Zweifel die ihm bei deren Entwicklung aufkamen und das Ende seiner Laufbahn werden mit erstaunlichen Spezialeffekten, einem vorbildlichen Grading und entfremdenden Close-ups zur Schau gestellt.

 

Wer nun das Rennen um den besten Film des Jahres gewonnen hat, ist umstritten. Die Golden Globe Awards strafen „Barbie“ zugunsten von „Oppenheimer“ schon mal ab und nun bleibt abzuwarten welcher von beiden die BAFTAs im Februar und die Oscars im März für sich gewinnen kann.

 

Von Höhenflügen…

 

Abseits dieser zwei Blockbuster gibt es aber auch eine ganze Reihe weiterer Kino-Highlights. So kann auch Martin Scorseses neustes Werk „Killers of the Flower Moon“ zu einem der Filme des Jahres gerechnet werden. Mit einer Laufzeit von knapp 3,5 Stunden wird ein bisher nur am Rande beschriebenes Thema in den Mainstream gebracht. Klar, das Pacing ist sehr langsam, aber genau das ist notwendig, um vollständig in die Welt eines indigenen Reservats in den 1920er Jahren einzutauchen. „Killers of the Flower Moon“ basiert auf wahren Begebenheiten und behandelt die Geschichte der Osage, einem indigenen Stamm, der in ein Gebiet vertrieben wurde, in dem man später Öl fand. Der weiße Großgrundbesitzer „King“ Hale gibt sich als Beschützer der indigenen Bevölkerung aus, doch schon bald werden seine eigentlichen Pläne bekannt, um an das Geld der Osage zu kommen. Die Authentizität den dieser Film durch das Setting, die Dialoge und die Hauptprotagonisten, allen voran Leonardo DiCaprio, Lily Gladstone und Robert De Niro ausstrahlt, ist überwältigend. Trotz oder gerade wegen der Laufzeit avanciert der Film zu einem der wichtigsten Vertreter des Kinojahres.

 

Auch in Sachen Action kann das Kinojahr 2023 aufwarten. Der mit erstaunlichen Kampfchoreographien versehene „John Wick – Chapter 4“ kann mit diesen seine plumpe Story zwar aufwerten, liegt aber in allen Belangen hinter Ethan Hunts bereits siebter Mission. „Mission Impossible: Dead Reckoning Part I“ steht seinen Vorgängern in nichts nach, nein, es übertrifft sie noch und ist mit der Bedrohung durch künstliche Intelligenz überraschend aktuell.

 

...und Tiefpunkten

 

Leider gab es auch dieses Filmjahr, das im Schatten der Proteste der Writers Guild of America stand, wieder ein paar kinematographische Katastrophen, die uns nicht verschont blieben. Diese Filme bieten nicht nur altbekannte Schauwerte, langweilige Handlungen, uninteressante Charaktere, unfreiwillige Komik und schlechte dramaturgische und technische Leistungen, sondern zeigen wieder einmal wie manche Filme nur darauf ausgelegt sind Geld in die Kassen zu spülen und dazu gehören dieses Jahr auf jeden Fall „Expendables 4“, „Shazam 2“, „Antman and the Wasp: Quantumania“, „Fast X“, „Indiana Jones: Das Rad des Schicksals“ und der vor Fremdscham strotzende „Manta Manta: Zwoter Teil“.

 

Ambitioniert, aber auch enttäuschend war der Versuch von Hollywood-Legende Ridley Scott den Aufstieg und Fall Napoleons auf die Leinwand zu bringen. Auch dieser Film bestätigt, dass eine lange Laufzeit und bekannte Hauptdarsteller noch keinen guten Film ausmachen. Erst einmal muss man aber Vanessa Kirby und Joaquin Phoenix, sowie die Hochwertigkeit der Produktion, vom Szenenbild über den Ton bis hin zum Schnitt, loben. Technisch gesehen ist es fast ein Monumentalfilm, man beachte nur die aufwendig gefilmten Schlachten, die zu sehen sind. Leider hat der Film ein gewaltiges Manko und das ist seine Story. Angefangen beim Fokus auf die Beziehung zwischen Napoleon und seiner Frau, die ständige ironische Kommentierung der Größe Napoleons und ganz fatal: die Auslassung wichtiger Schlachten und Ereignisse im Leben des großen Feldherren, hat das Storytelling auf voller Linie versagt und wurde für viele Kinogänger leider zur Enttäuschung.

 

Geheimtipps und Honourable Mentions

 

Schon fast in Vergessenheit geraten und deshalb hier unbedingt zu erwähnen ist Wes Andersons „Asteroid City“, eine bizarr anmutende, verrückte und szenenbildnerisch ausgesprochen kreative Komödie, welche in den 1950er Jahren rund um einen Asteroidenkrater spielt. Die Atmosphäre des Streifens und die vielschichtigen Charaktere muss man gesehen haben, um den Film auch nur ansatzweise begreifen zu können.

 

Nicht unerwähnt bleiben dürfen natürlich auch der Animationsfilm „Spider-Man: Across the Spider-Verse“, die Horrorkomödie „Evil Dead Rise“, der effektvolle dritte Auftakt von „Guardians of the Galaxy“, der ausnahmsweise mal lobenswerte deutsche Film „Sonne und Beton“, das teils autobiographische Werk von Steven Spielberg „The Fabelmans“, der liebenswerter Kinderfilm „Elementals“, der unterschätzte „The Creator“, der neue Film von David Fincher „Der Killer“ und viele weitere, die hier nicht einzeln erwähnt werden können. Tatsache ist, wir blicken auf ein sehr abwechslungsreiches Filmjahr mit vielen guten Werken zurück. Nicht nur alte Regie-Legenden feierten ihr Comeback, auch der ein oder andere frische Wind wehte in die von endlosen Sequels angefressene Filmindustrie.

 

Mein Fazit

 

Mein persönliches absolutes Highlight des Kinojahres 2023 war jedoch ein Film, der bereits in der ersten Januarwoche startete: „The Banshees of Inisherin“ ist zweifellos einer der überraschendsten Filme des Jahres. Die relativ simple Idee von einer auseinanderdriftenden Freundschaft auf einer einsamen irischen Insel wurde so großartig erzählt, dass das Fehlen der Oscar-Auszeichnung nicht nur verwundert, sondern enttäuscht. Martin McDonaugh schafft es, einen packenden, lustigen, aber auch düsteren Genremix mit eigensinnigen Charakteren (Colin Farrell und Brandon Gleeson) abwechslungsreich, frisch und eigenartig originell zu inszenieren, dass der Film ein verdientes Lob in diesem Beitrag erfährt. 

 

Die Oscars, wie auch die Tübinale sind mit viel Vorfreude und großer Spannung zu erwarten. Neben „Barbie“, „Oppenheimer“, „Poor Things“, „Anatomie eines Falls“ und „Past Lives“ bei den Academy Awards dürfen wir uns auch beim Tübinger Kurzfilmfestival auf ambitionierte Kurzfilme junger Medienwissenschaftsstudierender freuen.