Interview: Wie Moral zu Polarisierung führt

Prof. Dr. Hübl über Identität und Selbstdarstellung

Moral, Selbstdarstellung, Polarisierung? Antworten auf die Frage wie Moral zu Polarisierung führt. Ein Interview mit Prof. Dr. Hübl - Autor von dem Buch "die aufgeregte Gesellschaft" mit der Tübinale 2022.

Wer ist Philipp Hübl?

Dr. Hübl ist ein deutscher Philosoph, Professor und Bestsellerautor. Er interessiert sich allgemein für die Schnittstelle zwischen Philosophie und Psychologie und insbesondere für die Frage, was Menschen dazu bringt, Handlungen auszuführen. Ein Schwerpunkt seiner wissenschaftlichen Arbeit liegt auf den Themen Moralpsychologie und Polarisierung.

2019 veröffentlichte Philipp Hübl das Buch „Die aufgeregte Gesellschaft - wie Emotionen unsere Moral prägen und die Polarisierung verstärken“.  Bis 2018 war Herr Hübl Juniorprofessor für Theoretische Philosophie an der Universität Stuttgart. Aktuell ist er als Gastprofessor für Kulturwissenschaft an der Universität der Künste in Berlin tätig. Parallel dazu schreibt er unter anderem für die ZEIT und die Frankfurter Allgemeine Zeitung oder spricht im Deutschlandradio über gesellschaftliche und politische Themen. 


Die philosophische Sicht auf Polarisierung 

Im Rahmen der Rhetorik- und Medienwissenschaftsvorlesung zum Thema „Polarisierung“ hat Prof. Dr. Hübl einen Gastvortrag über „Identität und Selbstdarstellung“ gehalten und erklärt, wie Moral zu Polarisierung führt. Daran anknüpfend freuen wir uns sehr ein exklusives Interview mit Herrn Hübl zu führen:


Tübinale: Polarisierung scheint gerade jetzt zu Zeiten der Corona-Pandemie in aller Munde. Herr Hübl, Sie gelten als Experte auf dem Gebiet der Polarisierung und haben das Phänomen aus philosophischer Sicht in ihrem Buch „Die aufgeregte Gesellschaft“ beleuchtet. Wie würden Sie das Wort bzw. das Phänomen Polarisierung definieren?

 

Prof. Dr. Hübl: In einer polarisierten Welt sind die Extrempositionen stark besetzt und die Mitte ausgedünnt. Die Verteilungskurve der Positionen sieht dann aus wie der Höcker eines Kamels und nicht wie der eines Dromedars. Besonders extrem ist das in den USA, wo sich die Wähler der Demokraten und Republikaner seit etwa 15 Jahren immer weiter voneinander entfernen. Auch in Frankreich ordnet sich nur etwa ein Drittel der gesellschaftlichen Mitte zu.

 

Tübinale: …und daran anschließend die Frage, ab wann kann man Ihrer Meinung nach von einer Polarisierung in Deutschland sprechen? Polarisiert in diesem Sinne die aktuelle Corona-Impfpflichtdebatte oder ist die Impffrage „nur“ eine medienwirksame Meinungsverschiedenheit?

 

Prof. Dr. Hübl: Deutschland ist wenig polarisiert. Die Mehrheit will eine Impfpflicht, 90 Prozent findet Quarantänemaßnahmen angemessen, über zwei Drittel vertrauen den Medien und sind mit der Demokratie zufrieden. Impfgegner und Systemkritiker sind eher eine kleine Gruppe vor allem am rechten Rand, die in den Medien größer erscheint als sie ist. 

 

Tübinale: Sie vertreten die Ansicht, dass Emotionen unsere Alltagsmoral und damit auch die Politik prägen. In diesem Sinne ist die Moral also der Schlüssel zur Frage, warum die Welt polarisiert ist. Können Sie diesen Gedanken nun noch etwas näher erläutern? Wie genau polarisiert Moral?

 

Prof. Dr. Hübl: Alle Menschen haben eine moralische Identität: Unsere Werte und Normen wechseln wir nicht einfach so wie unsere Kleidung oder unseren Musikgeschmack, denn sie bestimmen uns in dem, wer wir sind. Und wir wollen sie um jeden Preis schützen. Deshalb geht es zum Beispiel auch bei Fake News und Verschwörungstheorien immer um Moral, um all das, was einen Schaden darstellen könnte: Bedrohung durch Migration, Impfung, mächtige Eliten, korrupte Politiker und so weiter. Wir leiten aber unsere Werte jetzt nicht aus den Allgemeinen Menschenrechten ab und folgen auch nicht dem Kategorischen Imperativ, wie Kant empfohlen hat, sondern sind dabei stark von emotionalen Neigungen geprägt. Wer sich zum Beispiel schnell ängstigt, also in seiner Umgebung bedroht fühlt, wählt eher traditionalistische Parteien; wer starkes Mitgefühl mit den Schwachen hat eher progressive. Wer Freiheit als Schutz vor Eingriffen des Staates ansieht, befindet sich eher im bürgerlich-liberalen oder konservativen Lager. Wer hingegen Freiheit als Selbstentfaltung und Autonomie ansieht, die der Staat durch Eingriffe sicherstellen soll, wird sich eher dem linken Lager zuordnen. Sobald diese emotionsbasierten Werte verletzt werden, reagieren wir mit Empörung, also moralischem Zorn. Und da die Emotionen und damit die Werte unterschiedlich ausgeprägt sind, empören sich die Leute über ganz verschiedene Dinge. 

 

Tübinale: Gegenwartsdiagnosen behaupten oft die Gesellschaft sei gespalten, für die USA mag das zutreffen, aber in Deutschland lassen sich nur wenige empirische Beweise in Form von validen Statistiken und Umfragen dafür finden. Warum entsteht in der deutschen Öffentlichkeit trotzdem der Eindruck einer gefühlten gesellschaftlichen Spaltung?  

 

Prof. Dr. Hübl: In den klassischen, aber vor allen Dingen in den sozialen Medien finden deutlich erkennbare Außenpositionen mehr Gehör, weil sie oft mehr Empörung erzeugen und durch Algorithmen verstärkt werden. Nimmt man die Medien als Abbild der Gesellschaft, muss man zum Schluss kommen, dass Deutschland heillos zerstritten ist. Das ist ein Fehlschluss, der sogar einen Namen hat: „Verfügbarkeitsfehler“ (availability bias). Tatsächlich gibt es eine erschöpfte schweigende Mehrheit, die keine Lust auf überhitzte Diskussionen hat und auch nicht auf sozialen Medien wie Facebook, Twitter oder Instagram unterwegs ist. 

 

Tübinale: Vor diesem Hintergrund betonte Bundeskanzler Olaf Scholz in seiner ersten Neujahrsansprache die „riesige Solidarität“ in Deutschland. Giovanni Di Lorenzo, Chefredakteur von die ZEIT schreibt in seinem Leitartikel am 30. Dezember 2021, „die Lage ist düster und das Land gespalten“. In der politischen Beteuerung eines Wirgefühls sieht er ein sicheres Zeichen, „dass es um die Einigkeit besonders schlecht steht“.  Wie bewerten Sie diese aktuellen Aussagen?

 

Prof. Dr. Hübl: Beide erfüllen ihre Aufgabe. Der Kanzler muss die Gemeinsamkeiten betonen, der Journalist muss den Finger auf Wunde legen, also Missstände benennen. Die Wahrheit liegt tatsächlich in der Mitte. Etwa die Hälfte der Deutschen zum Beispiel hält ihre Mitbürger für sehr vertrauenswürdig. Vertrauen ist ein ganz guter Indikator für Solidarität. Das ist jetzt nicht „riesig“, aber auch kein Zeichen für wenig „Einigkeit“. Im Gegenteil: Im weltweiten Vergleich gibt es in Deutschland überdurchschnittlich viel gegenseitiges Vertrauen. Und auch im europäischen Vergleich liegen wir im soliden Mittelfeld. 

 

Tübinale: Die Tübinale ist ein Projekt des Instituts für Medienwissenschaft.  Uns interessiert natürlich der Zusammenhang zwischen Medien und Polarisierung. Welche Rolle spielen Ihrer Meinung nach die (sozialen) Medien im Prozess der Polarisierung?

 

Prof. Dr. Hübl: Die Öffentlichkeit ist polarisierter als die Gesamtgesellschaft. Zwei Dinge kommen da zusammen. Erstens moralische Selbstdarstellung: Wir wollen andere unsere moralische Identität mitteilen. In der Familie oder einer kleinen Gruppe kennt jeder das moralische Profil der andere und außerdem ist es schwer, andere zu täuschen. In der halbanonymen Sphäre der sozialen Medien ist beides nicht der Fall: Um auf Nummer sicher zu gehen, sendet man daher besonders deutliche Signale. Und da kommt der zweite Mechanismus ins Spiel. Weil es eitel klingt, von sich selbst zu sagen „schaut, ich bin so moralisch“, senden wir indirekte Signale. Und das geht am besten über Empörung gegenüber der imaginierten Gegenseite. Wer schreibt „Ernsthaft, schon wieder eine rechte WhatsApp-Gruppe in der Polizei????“ sagt also nicht nur etwas über die Polizei, sondern vor allem über sich selbst: „Ich bin gegen rechts“. 

 

Tübinale: 2010 wurde das Wort „Wutbürger“ zum Wort des Jahres gekürt. Als Moralphilosoph sagen Sie aber, dass Wutbürger eigentlich Ekelbürger seien. Was hat nun Ekel mit Protest und Spaltung zu tun?

 

Prof. Dr. Hübl: Wut ist eine universelle Emotion, die alle Menschen kennen. Zu der Wut-Gruppe gehören auch Zorn, Aggression, Genervtsein, Ärger, Gereiztheit und eben auch Empörung, also moralische Wut. Empörung hat aber erst einmal gar nichts mit rechtsradikaler Systemkritik zu tun. Wir empören uns auch über Ungerechtigkeit, Misshandlung oder wenn der ICE verspätet ist. Bei den sogenannten „Wutbürgern“ war noch etwas anderes im Spiel. Die Moralpsychologie zeigt, dass Menschen, die sich schnell und nachhaltig ekeln, eher zum rechten und zum religiösen Extremismus neigen. Die Vorstellung etwa, Migranten seien bedrohlich und widerlich oder Homosexualität sei unnatürlich spiegelt diese Neigung wider. Auch Gewalttaten, selbst Genozide, entspringen oft einer Entmenschlichung, die die „Feinde“ als abscheulich darstellt: als Parasiten, Kakerlaken und andere Tiere oder als Untermenschen. 

 

Tübinale: Dr. Bernhard Pörksen, Professor der Medienwissenschaft an der Universität Tübingen, hat ein Buch über „die große Gereiztheit“ unserer digitalvernetzten Gesellschaft geschrieben. Sie schreiben in ihrem Vorwort zum Buch „Die aufgeregte Gesellschaft“, dass Moral eine Entscheidung ist, die Antworten auf die Frage gibt, was wir für richtig halten und was wir tun sollen. Was bedeutet das für den Einzelnen, eine Gruppe oder eine ganze Gesellschaft? Wie können wir der großen Gereiztheit oder gesellschaftlichen Aufregung entgegenwirken?

 

Prof. Dr. Hübl: Ein Schlüssel ist Bildung, ein anderer, auf Argumente und Belege zu pochen, wenn Leute sich medial aufspielen. Gut wäre auch, sich keiner Gruppe zuzuordnen, „keep your identity small“, wie der Internettheoretiker Paul Graham einmal gesagt hat. Moralische Fragen sind schwierige Abwägungsfragen, denken wir an Migration, Abtreibung, Umverteilung. Sobald wir uns aber eine Gruppe zuordnen, und die Gruppenidentität mit unserer eigenen Identität überblenden, neigen wir zu moralischen Vereindeutigung, wir wollen dann die Welt und die anderen in „gut“ und „böse“ einteilen, ohne die Graustufen dazwischen zu sehen, und dann tendieren wir auch schnell zu der Aufregung und Gereiztheit, die Moral immer mit sich bringt. 

 

Tübinale: Sie haben in ihrem Gastvortrag angedeutet ein paar Ideen zu haben, wie der Trend der moralischen Selbstdarstellung bzw. die Polarisierung vielleicht gestoppt oder aufgehalten werden könnte. Abschließend nun die Frage: Wie kann das gelingen und was ist zu tun?

 

Prof. Dr. Hübl: Das ist die Preisfrage. Meine Vermutung ist, dass die Polarisierung der Öffentlichkeit eher noch zunehmen wird, denn moralische Selbstdarstellung ist einfach zu verlockend, weil man damit Status, also Prestige und Dominanz erlangen kann, ohne viel Arbeit zu investieren. Wenn Menschen einzeln miteinander sprechen, von Angesicht zu Angesicht, dann nähern sie sich zwar einander an, wie unter anderem die große Aktion „Deutschland spricht“ der ZEIT gezeigt hat. Online-Diskussionen folgen aber nicht diesem Muster und ich bin mir nicht so sicher, dass jetzt alle plötzlich wieder offline diskutieren wollen, schon gar nicht mit Fremden. 

Gut wäre, wenn wir alle dem „Principle of Charity“ folgen würden, entwickelt von dem amerikanischen Philosophen Donald Davidson: Wenn Du nicht ganz sicher bist, interpretiere dein Gegenüber erst einmal wohlwollend. Man kann das auch als Kommunikationshilfe für die öffentliche Debatte lesen: Bevor Du einer Person böse Absichten, Niedertracht oder Rassismus unterstellst, frage dich erst einmal, was sie wirklich gemeint hat, ob sie sich vielleicht vertan oder vertippt hat, einen Witz machen wollte, ironisch gesprochen hat oder einfach keine Ahnung vom Thema hatte. Ich bin mir sicher: Ein Großteil medialer Aufregungen würde dann einfach verschwinden. 


 

 

 

 

 

Lesetipp: 

Mehr zu dem Thema Moral und Polarisierung findet Ihr in Philipp Hübls Buch

„Die aufgeregte Gesellschaft - wie Emotionen unsere Moral prägen und die Polarisierung verstärken“… 

C. Bertelsmann Verlag, 2019, 432 Seiten, ISBN: 978-3-570-10362-3, gebundene Ausgabe 22€